Abschied nehmen …

Wo Gott dich hingesät hat, dort sollst du blühen (Afrikanische Weisheit)

Es ist schon fast ein Jahr her, das ich zum 1. Mal nach Äthiopien geflogen bin und ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Anders als geplant, habe ich meinen Aufenthalt verlängert, bin nach Problemen wieder gekommen, habe in diesem Land gelebt und mein Leben als wahres Abenteuer empfunden.

Oft habe ich mich an diese afrikansiche Weisheit erinnert und mich gefragt: “Warum hat Gott mich hierher gebracht ? Kann ich hier “blühen”? Wie soll ich das anstellen? Bin ich die Richtige dafür?

Letzter Tag in Äthiopien – mit Rahel
Draußen mit Barfirker :)

Manche der Fragen, kann ich bis jetzt nicht beantworten, aber ich weiß, wie glücklich ich in den letzten Monaten war, wie sehr ich diese Zeit genossen habe und dass ich Menschen begegnet bin, Dinge gesehen und erlebt habe, die ich niemals missen möchte.

Binyam

Es war nicht immer einfach. Oft bin ich vor Herausforderungen gestanden und habe Entscheidungen treffen müssen und wollte das gar nicht. In manchen Situationen war ich überfordert und fassungslos. Manchmal habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mich gefragt, wie alles funktionieren soll, bin auf meiner Terasse gesessen und habe geweint, weil ich mit meinem europäischen Denken keinen Weg durch die äthiopische Kultur gefunden habe.

Irgendwie ist alles weitergegangen. Ich habe etwas von der äthiopsichen Ausdauer angenommen, von dem Denken einer Nation, die seit 1000 von Jahren besteht unabhängig und stark ums Überleben kämpft und es dabei schafft zu lächeln.

Ich habe die Kultur versucht zu verstehen und somit die Äthiopier. Manches ist nicht erklärbar. Warum isst man rohes Fleisch und erklärt es zu National – Spazialität und wie kann man Injera (sauerschmeckendes Fladenbrot) zum Frühstück, Mittag und Abendessen essen und das täglich?) Und warum habe ich das selbe gemacht ;) Wie kann man überleben bei einem montalichen Einkommen von 40 € oder weniger? Wie kann es sein, dass es Äthioier gibt, die sich alles leisten können, mit Häusern so groß, das 3 Familien darin leben können?

Injera – äthiopische Nationalspeise

In unserem Haus in Bole Bulbula hatte ich das Glück mitzuhelfen aus einem anfänglichen Projekt eine Familie zu machen. Ich war gleichzeitig Vorgesetzte und Forenji, Freundin, Schwester und Mutter von 8 Kindern.

Schwesternliebe :)

Es ist viel passiert in den letzten Monaten. Gemeinsam haben wir uns weiterentwickelt und dazugelernt. Wir haben das Potential in den Kindern gesehen, ihre Lebensfreude und Energie. Wir haben Veränderungen beobachten können und uns darüber gefreut. Wir haben gemeinsam getanzt, gesungen, Kaffee getrunken, gelacht und geweint. Wir hatte manchmal große Angst und haben uns hilflos gefühlt und uns danach aneinander aufgebaut.

Das wird auch weiterhin so sein. Das ist das wunderbare. Meine Familie in Äthiopien lebt weiterhin zusammen, sie haben einander und obwohl ich jetzt nicht mehr bei ihnen sein kann, sie nicht in die Arme nehmen und küssen kann, weiß ich, dass sie füreinander da sein werden. Das beruhigt mich und gibt mir Hoffnung.

Denka und Deribie

Ich werde sie jeden Tag vermissen und freue mich schon jetzt auf den Tag, wenn ich sie wieder in meine Arme schließen kann. Life is like this, ich weiß das und doch ist es nicht einfach das zu akzeptieren. Auch frage ich mich wer ich war bevor ich nach Äthiopien gefahren bin und wer ich jetzt nach dieser Zeit bin. Ich denke ich habe mich sehr verändert und einiges dazugelernt. Ich habe geliebt und wurde geliebt  und kann nun so viele Menschen Menschen meine Freunde nennen. .

mein klügster Sohn – Ambase :) love you!
Freunde, die man sich nur wünschen kann …
eine äthiopische Familie, der ein Obstgeschäft gehört – auch sie waren ganz besondere Menschen für mich
My Ethiopian Sisters Family – Salams Familie – auch meine Familie
Verena :)

bester Nachbar und Freund

Ich bedanke mich bei allen, die mich immer unterstützt haben und für mich da waren, auf die verschiedensten Arten und Weisen. Ich weiß, ich werde diese Zeit niemals vergessen. Äthiopien ist in meinem Herzen und die Liebe für das Land und meine äthiopische Familie so groß, dass ich es nicht in Worte fassen kann! – Love you!!!!!

Binyam
Denka

Bafirker

Ambase

Tadesse

MilenDeribie

Deribie

Rahel

Selam

Abeba

Ayele

Magdalena

Ein äthiopisches Sprichwort sagt:
Die kleinen Sterne scheinen immer, obwohl die große Sonne oft untergeht
Ihr seid solche Sterne für mich und ich liebe euch von ganzem Herzen, für immer.

Liebe

„Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg. Wer meint, er könne solche Liebe kaufen, der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!“ Hohelied der Liebe 8,7

Diese Worte passen genau zu den Erlebnissen meiner letzten Tage in Debre Markos. Seit ich im Dezember von dort abgereist bin, habe ich mich immer gefreut wieder zu kommen. An diesem Ort hat alles begonnen, hier habe ich gelernt Äthiopien, die Menschen und ihre Kultur lieben zu lernen.

Dieses Mal war schon die Ankunft besonders, nicht aufregend, aber heimlich. Der Bus ist genau vorm Compound stehen geblieben und ich bin ausgestiegen und habe mein Gepäck genommen. Vor dem Tor sind einige Kinder gestanden und sofort habe ich meinen Namen rufen gehört. Es war kein aufdringliches, lautes Schreien. Es war eine Feststellung. Es ist Ulli. Ich grüße alle und die Kinder gehen mit mir gemeinsam in den Compound. Hier bin ich zuhause, hier gehöre ich hin.

Diesmal war ich nicht alleine. Mit mir waren 5 andere Mädchen aus Österreich und 3 aus Spanien im Volontär – Haus. Ein schöner Austausch und die üblichen Fragen „Warum bist du hier?“,  „Was hast du studiert?“, „ Wie alt bist du?“ …. „Du bist die Ulli, die schon einmal da war, von der Yeschi die ganze Zeit spricht?“ – ja das bin ich ;)

Den ersten Nachmittag habe ich mit den Kindern tanzend verbracht. Ich habe ihnen 2 CDs gebrannt, mit Amharischen und Englischen Liedern und so sind wir gemeinsam durch den Raum getanzt und haben gelacht, ich habe bei den amharischen Liedern mitgesungen, was mir wieder mal ein „Ulli, Antschi? Habesha nesh, eshi!“ (Ulli, du bist Äthiopier, weißt du das?) eingebracht hat. Und ich freue mich jedes Mal darüber. Viele Umarmungen und Küsse.

Die restlichen Tage vergehen viel zu schnell. Es gibt so viele Wunderbare Momente. Am Sonntag gemeinsam mit den Kindern im Kreis sitzend zu singen und zu spielen. „Armer schwarzer Kater“ in Amharisch. Wir haben beim Streicheln immer „Ayzosh“ (Es wird schon) gesagt. Die Kinder kennen das Lied noch, das ich mit ihnen im September im Kindergarten gelernt habe. Sie wollen es immer wieder singen. Ich erinnere mich wie schwer diese Zeit damals war und dass ich gar keine Freude mit den Kindergartenkindern hatte, und doch, es war nicht umsonst.

Viele Begegnungen mit Menschen. Mit Melake, einem Priesterseminar Studenten, den ich aus Addis kenne, verstehe ich mich besonders gut, wir müssen viel gemeinsam lachen, er erzählt mir von seinem Leben. Oder Jayesh, die blinde Frau, die ich schon länger kenne und die mir immer wieder sagt, bring mich zum Augenarzt und ich ihr immer wieder sage, das kann ich nicht. Trotzdem genießt sie meine Berührungen und Streicheln, das Neben-dem-Bett-Sitzen und nicht alleine zu sein.

Ich genieße viele Gespräche mit den Kindern und Erwachsenen und teile mit ihnen ihre Sorgen, schäle Zwiebeln und Erdäpfeln, mit Messern, die wir nie verwenden würden und bekomme Injera in den Mund gestopft (ein Zeichen der Anerkennung in Äthiopien). Mit Abbas Köchin Dermagatsch schneide ich 5 Kilo Zwiebeln für „Doro – Wot“ äthiopische Nationalspeise. Ich liebe sie, die Köchin, obwohl wir uns die meiste Zeit nicht verständigen können.

Mit Schrecken sehe ich die vielen Menschen, die ohne Schuhe herumlaufen, quer durch die Bank, Kinder, einige Arbeiter, alte Menschen. Sie scheinen abgehärtet zu sein, denn mir ist furchtbar kalt und es regnet durchgehend. Für Lingerisch, meine alte Freundin kaufe ich Schuhe, denn auch sie läuft barfuß herum.

Am Montag war Nahrungsmittelausgabe – ich sitze in einen Plastiksack gewickelt im Maismehl und gebe je einen Becher an die Menschen aus, die kommen, um dieses kostbare Gut zu empfangen. Neben mir die älteren Kinder, die selbstverständlich mithelfen. Nach einer Zeit schmerzt der Rücken und die Hände, aber diese Arbeit ist immer ganz besonders. Staub und Dreck von Kopf zu Zeh und trotzdem fühlt es sich gut an, alles zu geben, bis auch die letzten Menschen den Compound wieder verlassen haben und barfuß Säcke und Kanister am Kopf oder am Rücken im Regen nach Hause tragen.

Ganz besonders war auch das Erlebnis mit Byzuh, einer jungen Frau. Bei der Hochzeit hat sie mich gefragt, ob ich ihr ein Laptop organisieren kann. Sie hat einen Universitätsabschluss, findet aber keinen Job, weil sie keine Computerfähigkeiten hat. So verkauft sie Brot und Bananen und andere selbstgemachte Dinge am Markt, denn sie muss die Miete für ihr „Haus“ (70 Birr = 3,5 €) im Monat bezahlen. Mit einem Laptop könnte sie üben. Mit Gottes Hilfe gelingt es den Laptop wirklich zu organisieren und ich kann ihn ihr überreichen. Sie küsst mich und lädt mich und die anderen Österreicher zur Kaffee – Zeremonie für den nächsten Tag ein. Ihr Haus ist ein Raum mit Lehmmauern, vielleicht 3×3 Meter groß. Es gibt ein Bett und einen Tisch. Ganz stolz zeigt sie uns ihren Radio, am Bett liegt der Laptop. Der Boden ist mit Gras betreut und der kleine Kaffee – Tisch schon hergerichtet. Sie hat sich so viel Mühe gemacht, extra Mais (für Popcorn) gekauft und natürlich Kaffee. Es riecht nach Weihrauch und geröstetem Kaffee und die Stimmung ist wundervoll. Während wir den Kaffee genießen erzählt sie uns von ihrem Leben. Unglaublich was sie mit 22 Jahren schon erleben hat müssen. Am Ende machen wir Fotos, sie öffnet ihre Haare und küsst mich ganz oft.

Sich von allen zu verabschieden ist schwer. Diesmal muss ich viel weinen und versprechen nächstes Jahr wieder zu kommen. Die Kinder sind ruhig. Sie sind es gewohnt, dass die „Forenjis“ kommen und gehen. Auch der Abschied von meinen Freunden fällt mir schwer, von Abba Binyam und all den anderen. Sie sind wirkliche Freunde, Menschen die ich von ganzem Herzen liebe.

Diese Liebe ist so groß, dass es ganz schön weh tut zu gehen, ohne zu wissen, wann ich wieder kommen werde. Bei der Anbetung danke ich Gott für alles, für die Zeit die ich hier verbracht habe und dass ich immer wieder kommen durfte und die Liebe an einem Ort gefunden habe, der so anders ist als mein Leben in Österreich. Diese Liebe ist etwas Besonderes, man kann sie nicht kaufen, sie ist zu wertvoll. Deshalb vertraue ich auch darauf, dass sie nicht einfach vergeht, wenn ich wieder in Österreich bin, sondern bestehen bleibt und vielleicht sogar noch stärker wird.

“Denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.”    - Kolosser 3,14